3. Ernst von Mansfeld

Eine Beschäftigung mit den Anfängen des Dreißigjährigen Krieges ist nicht vollständig ohne eine genauere Betrachtung des Söldnerführers Ernst von Mansfeld (1580–1626). Als einer der großen Kriegsunternehmer und Heerführer jener Zeit war Mansfeld der gefährlichste Gegenspieler der Feldherren Tilly und Wallenstein, die noch heute jeder kennt. Wenigstens für die frühen Kriegsjahre (besonders 1620–1626), wenn nicht sogar bis zum Eingreifen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1630), kann Mansfeld unter den Kriegsunternehmern, die auf Seiten der Gegner des Hauses Habsburg im Reich operierten, als der fähigste und vielseitigste gelten. In dieser Gruppe fällt der umtriebige Söldnergeneral nicht nur aufgrund seiner katholischen Herkunft auf. Mansfeld, ein schlauer Fuchs (wie ein gegen ihn gerichtetes Pamphlet anerkennen mußte), war ein wirklicher General-Kriegsunternehmer, der das politische Szenario, in dem er sich bewegte, weitreichend überschaute. Wegen seiner Gewandtheit und erfinderischen Listigkeit wollten manche Zeitgenossen ihn gar zum Ulixes Germanicus (zum deutschen Odysseus) erklären. Als gewandter Mann adeliger Prägung verhandelte er geschickt (und manchmal durchaus gewagt) mit Freund und Feind, mit Diplomaten und Ministern, mit Fürsten und Königen, die ihm immer wieder große Summen anvertrauten. Als Heerführer hatte er das Wesen sowohl der Offiziere als auch der gemeinen Söldner, die ihm folgten, zutiefst verstanden; freilich zögerte er nicht, sich der Soldatesca gegenüber notfalls auch gewaltsam durchzusetzen (Prag, Juli 1620). Als namhafter Vertreter seines Metiers erweiterte er seinerseits den verfügbaren Kredit seiner Auftraggeber. Nicht zuletzt erkannte er auch den Wert eigener, gedruckter Propaganda. So ist es vor allem seine vielseitige Rolle als einfalls- und beziehungsreicher Militärorganisator, durch die er eine so faszinierende Sonderstellung einnimmt.
 
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Zu Recht hat einst Fritz Redlich in seiner berühmten Harvard-Studie zum deutschen Kriegsunternehmertum der Frühen Neuzeit (The German Military Enterpriser and His Work Force, Band I, S. 281) die Feststellung getroffen: In the early years of the Great War Mansfeld excelled them all.




Abb.: Brustbildnis des Söldnerführers Ernst von Mansfeld (1580–1626) – Radierung und Kupferstich (1624) von Willem Jacobsz. Delff nach einem Gemälde von Michiel Jansz. van Mierevelt; Original-Größe: 42,7 x 30,4 cm (Blatt), 41,4 x 29,0 cm (Platte). Reproduktion (auch im Buch als Frontispiz) mit freundlicher Genehmigung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster (Inv.-Nr.: K 67-57 LM).



Geboren als illegitimer Sohn (fils naturel) eines Reichsgrafen, des königlich-spanischen Gouverneurs der Provinz Luxemburg und Chiny (damals zu den habsburgischen Niederlanden gehörig), war Mansfeld mit kaum 15 Jahren vom Vater für die Soldatenprofession bestimmt worden und hatte sich nach ersten Kriegserfahrungen im ungarischen Türkenkrieg zu einem berühmt-berüchtigten Söldnerführer entwickelt. Ohne Erbe oder gesicherte Existenz, zum Heimatlosen geworden, versuchte er seit 1610, die großen Gegensätze im Europa seiner Zeit mit seinen persön­lichen Bestrebungen zu verknüpfen. In seinem verbissenen Konflikt mit den Habsburgern wirkte er unermüdlich darauf hin, daß jener bewaffnete Kampf, der 1618 in Böhmen ausgebrochen war (Prager Fenstersturz), nicht beendet werde, bevor er selbst seine Ziele erreicht hätte. Damit aber trug er erheblich dazu bei, daß in der Folge — und über seinen vorzeitigen Tod (1626) weit hinausgehend — ein dreißigjähriger Krieg daraus wurde.
 
Wozu dieser streitbare und gefährliche Mann fähig war, zeigt schon ein kurzer Blick auf die historischen Fakten:
 
Ende 1620, als der Böhmische Aufstand zusammenbrach, hielt Mansfeld trotz der Entscheidung am Weißen Berge bei Prag noch monatelang das feste Pilsen – ein Hohn auf den kaiserlichen Sieg. Für die Eroberung der Stadt (Herbst 1618) hatte der Kaiser ihn schon 1619 – als ersten in jenem Konflikt – in die Reichsacht versetzt, ein Vorgang, der nicht zuletzt im Hinblick auf die spätere, so folgenschwere Ächtung des Pfalzgrafen von Bedeutung ist. 1621, als die Union sich auflöste, war der proscribierte Reichsaechter, wie Mansfeld in vielen Quellen jener Zeit genannt wird, wiederum monatelang der einzige vormals böhmische General, der sich dem habsburgisch-ligistischen Vormarsch mit einem starken Söldnerheer entgegenstellte – sonst hätte Tilly die Pfälzer Stammlande des Winterkönigs schon sehr viel früher erobert. Mansfeld war in der Tat ein lebendes Hindernis auf dem Wege zum Frieden (Villermont), aber noch mehr als das – er wurde zu einem Motor der Europäisierung jenes Krieges, an dessen Beendigung er nur bedingt interessiert war. Seit 1620 nahm er Verbindungen zu einer Reihe europäischer Mächte auf, um weitere Mittel für den Kampf gegen die Habsburger zu gewinnen, und die bedeutenden Erfolge, die er dabei erzielte, verhießen für das Reich nichts Gutes: Unterstützung bekam er seit 1621 vor allem von den Generalstaaten und Venedig, von Frankreich (Ludwig XIII.) und England (Haus Stuart). Findungsreich und behauptungsfähig, hielt er nach der böhmischen Katastrophe zunächst das Liga-Heer unter Tilly in der Oberpfalz auf (Waidhaus, Sommer 1621) und entwich dann vor der aus Bayern drohenden Umfassung zum Rhein, zwang dort die Spanier unter Córdoba zum Rückzug (Frankenthal, Oktober 1621) und fügte Tilly im nächsten Jahr auch in offener Feldschlacht die erste Niederlage zu (Mingolsheim, April 1622). Als die feindliche Übermacht in der Rheinpfalz zu groß und die Lage unhaltbar wurde, gelang ihm der Wechsel in generalstaatische Dienste gegen Spanien. Dabei vollführte er mit dem Herzog von Braunschweig, seinem jungen und eigenwilligen Reiterführer, einen abenteuerlichen Feldzug durch die spanischen Niederlande (Schlacht bei Fleurus, August 1622), eine Feldherrnleistung, die ihm großes Ansehen und höchstes Lob einbrachte, z.B. vom Grafen Gualdo Priorato, der Mansfeld einst persönlich gedient hatte und inzwischen (einige Jahrzehnte später) Historiograph am Wiener Kaiserhofe geworden war:
 

In questa occasione si fece conoscer

per uno de’ primi Capitani del suo secolo

(Bei dieser Gelegenheit erwies er sich

als einer der vortrefflichsten Heerführer seiner Zeit)

 

Galeazzo Conte Gualdo Priorato (1606–1678),

Historia di Ferdinando Terzo, Teil I (Wien 1672), S. 68.

 
 
Noch im Herbst 1622 kehrte Mansfeld ins Reich zurück und bemächtigte sich mit seinen Söldnern der neutralen Grafschaft Ostfriesland, die er lange als günstige Operationsbasis behielt (1622–1624) – ein Skandal, der 14 Monate hindurch die damalige Presse beschäftigte. Es waren Mansfeld und der tolle Halberstädter (Herzog Christian von Braunschweig), deren Operationen im Nordwesten des Reiches im Herbst 1622 auch die Truppen der katholischen Liga dorthin zogen, so daß König Christian IV. von Dänemark seine Pläne mit den norddeutschen Bistümern bedroht sah. Den Braunschweiger konnte Tilly vernichtend schlagen (bei Stadtlohn, August 1623), er scheiterte aber daran, auch den geächteten Mansfelder aus Ostfriesland zu vertreiben. Dieser betrieb unermüdlich die Werbung um auswärtige Hilfen und suchte vor allem den Anschluß an Frankreich; die strategischen Planungen wiesen in die Franche Comté und bis zum spanisch besetzten Veltlin. Im Jahre 1624, als der Kaiser und seine Verbündeten in deutschen Landen keinen bewaffneten Gegner mehr hatten, sorgte Mansfeld dafür, daß Frankreich und England-Schottland sich auf eine gemeinsam zu finanzierende Militärintervention verständigten. Sie überstellten den Söldnergeneral mit seinen Truppen im Herbst 1625 dem König von Dänemark, nachdem dieser als Herzog von Holstein und niedersächsischer Kreisobrist mit Heeresmacht in die Reichswirren eingegriffen hatte. Und wer war in der Instruktion, die Kaiser Ferdinand II. seinem Generalissimus Wallenstein ausstellte (Juni 1625), der offizielle Grund für die Entsendung der Friedländischen Armada ins Reich? Sie werden es sicher schon erraten haben: Unser und des Reichs Feind und erklärter Ächter – Ernst von Mansfeld.
 
Noch lange nach seinem Tode, nicht nur in den Verhandlungen zum Prager Frieden (1635), sollten Fürsten, Geheime Räte und Diplomaten sich der Bedrohungen und Verheerungen, die einst vom Mansfelder ausgegangen waren, sorgenvoll erinnern — und ihre Konsequenzen daraus ziehen.
 
So zählt Ernst von Mansfeld zwar sicher nicht zu den Lichtgestalten der deutschen Geschichte; aber der fatale Erfolg seines Feldherren- und Kriegsunternehmertums gegen die Habsburger und die reichspolitischen Erfahrungen mit seiner Söldnermacht verleihen ihm – der mittel- und langfristigen Folgen wegen (Entwicklung des modernen Staates) – weit größere Bedeutung als man ihm in den vergangenen Jahrzehnten und besonders in jüngerer Zeit hat beimessen wollen.


Lesen Sie hierzu bitte auch das Interview, das ich im Februar 2012 dem History Magazin gegeben habe.